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Warum die Wirtschaft nach Corona nicht einfach „anlaufen“ wird?

22. April 2020

Warum die Wirtschaft nach Corona nicht einfach „anlaufen“ wird?

Corona trifft uns hart und verlangt alltägliche Verhaltensmuster neu zu erfinden. Gleiches gilt für die Wirtschaft, welche neben einem veränderten Konsumverhalten, mit Umsatzeinbrüchen, gestörten Lieferketten und einer radikal neuen Situation am Arbeitsplatz zu kämpfen hat.

Aus diesem Grund werden die Stimmen von Tag zu Tag lauter, welche einen Exit aus den beschlossenen Maßnahmen gegen Corona fordern, um zur Normalität in der Wirtschaft zurückzukehren. Was diese Stimmen dabei nicht verstanden haben ist, dass die neue Normalität verdammt weh tun wird. Warum?

1. Konsumverhalten

Seit der Wiedervereinigung hat kein Event so sehr zu einer abrupten Veränderung des Konsumverhaltens geführt, wie die Coronakrise. Wocheneinkäufe sind nicht mehr nur noch größeren Familien vorbehalten, sondern führen bei jedem Singlehaushalt zu vollen Einkaufwägen. Kaum ein Restaurant in noch so entlegenen Orten bietet seine Köstlichkeiten nicht auch an der heimischen Couch an. Der Balkon wird zur Großbaustelle und mausert sich zum neuen Mallorca. Getrieben wird das veränderte Verhalten neben dem Shutdown durch eine Welle der Kurzarbeit, welche die finanzielle Situation vieler Menschen deutlich verschlechtert. Und machen wir uns nichts vor – für viele Menschen wird auf die Kurzarbeit die Arbeitslosigkeit folgen, selbst wenn die viele Prognosen über Zombieunternehmen und apokalyptische Crashs nicht eintreffen. Die Veränderung des Konsumverhaltens kombiniert mit schwindender Kaufkraft wird sich nach Corona nicht einfach umkehren – dazu waren und sind wir zu lange im Shutdown.

2. Logistik und Lieferketten

In den letzten Wochen und Monaten haben Lieferketten nachhaltigen Schaden genommen. Dazu beigetragen hat nicht nur der eingeschlafene und neben für Deutschland und den Rest der globalisierten Welt enorm wichtige Markt Chinas, sondern auch die geschlossenen Binnengrenzen der EU. Die vielen durch Kurzarbeit und Liquiditätsengpässe gebrochenen Lieferversprechen taten dann ihr Übriges. Der hier entstandene Schaden lässt sich nicht nur wirtschaftlich beziffern, sondern hat auch einen massiven Vertrauensverlust zur Folge. Selbst wenn die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, ist es an den Unternehmen, in mühseliger Arbeit das verlorene Vertrauen aufzubauen. Auch die Risikoabteilungen der marktentscheidenden Warenkreditversicherer werden in einem solchen Umfeld nicht mehr ohne mit der Wimper zu zucken Linien vergeben oder verlängern.

3. Die finanzielle Situation

Die durch Corona eingetretenen Umsatzeinbrüche stellen Unternehmer vor Herausforderungen. Sparen und Verschuldung ist wieder angesagt. Sparen bedeutet im Unternehmenskontext, dass Budgets (z.B. Marketing) gekürzt werden, auf Kurzarbeit umgestellt wird und, dass benötigte Investitionen aufgeschoben oder gar abgeblasen werden. Diese Sparmaßnahmen haben eine Kettenreaktion zur Folge. Kurzarbeit bedeutet reduzierte Kaufkraft der Arbeitnehmer, da sie durch Einkommensverlust (bis zu 40%) schlichtweg weniger konsumieren können. Aufgeschobene Investitionen bedeuten Umsatzeinbrüche beim Maschinenbauer oder beim Softwareentwickler, der diese Investition umsetzt. Auch die viel beschriebenen KfW-Hilfen sind nur ein kleines Pflaster und verschieben die durch Tilgung und Zinszahlung vergrößerte Problematik in die Zukunft. Aus einer Schuldenspirale können Unternehmen nur entkommen, wenn sie die Produktivität erhöhen, doch erlaubt der gleichzeitige Sparzwang den vielen Unternehmen kein erhöhtes Produktivitätsniveau. Übrigens gilt dies auch für die Staatsverschuldung!

Fazit:

Dass diese drei kurz zusammengefassten Faktoren erheblichen Einfluss auf die „Normalisierung“ nach Corona haben werden, ist jetzt wahrscheinlich hinlänglich klar. Doch ist der deutsche Mittelstand nicht dafür bekannt den Kopf in den Sand zu stecken. Darum möchte ich auch meine persönliche Sichtweise darauf loswerden, wie es gelingen kann, diese Spirale zu verlassen.

Zunächst einmal gilt es sich klarzumachen, dass die nächsten Monate weh tun werden und diese Tatsache zu akzeptieren. Die Suggestion, die von verschiedenen Stellen betrieben wird, dass sich die Welt wieder in den Ursprungszustand zurückversetzen lasse, wenn man nur genug Finanzspritzen ansetzt ist falsch. Vielmehr hindert diese Einstellung viele Unternehmer daran schnell und bestimmt die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Denn nur eine neue Aufbruchsstimmung unter der talentierten deutschen Unternehmerschaft kann den nötigen Produktivitätszuwachs schaffen, um den größten wirtschaftlichen Schaden von unserem Land abzuhalten. Was mich positiv stimmt ist, dass erste Unternehmen beginnen, sich eben dieser Verantwortung bewusst zu werden. Sei es durch öffentliche Auftritte oder durch die effektive Suche nach neuen und alternativen Geschäftsmodellen. Beste Beispiele sind Reinhold Würth, Wolfgang Grupp (Diskussion hin oder her) oder der Heizungshersteller Viessmann. Aber auch kleine Betriebe beginnen die Situation zu nutzen, Geschäftsmodelle zu überarbeiten und zu modernisieren. So sind mir Restaurants bekannt, die mehr Umsatz machen als vor Corona und Friseursalons, die keinen ihrer Mitarbeiter nach Hause schicken mussten, weil sie Ihre Kunden über Onlineanleitungen beraten konnten. Was jetzt also zählt sind das Engagement und die Tugenden des „alten Eisens“, für das Deutschland noch immer weltweit bekannt ist, kombiniert mit den modernen und flexiblen Modellen der Startups und der kleineren Unternehmen. Mit anderen poetischeren Worten: Arme hochkrempeln, die schmerzhaften Monate durchackern und den Blick auf das Licht richten, dass bereits am Horizont zu sehen ist.

Autor: Maximilian Derwald

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